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GANGSTER GIRLS

R: Tina Leisch

Nur etwa 5% der in Österreich zu einer Haftstrafe verurteilten Personen sind Frauen. Ab einem Strafausmaß von 18 Monaten werden sie in Österreichs einziger Justizstrafanstalt für Frauen in Schwarzau (NÖ) inhaftiert. Tina Leisch porträtiert in GANGSTER GIRLS diese gesellschaftlich ausgegrenzten Frauen, die aufgrund ihrer Inhaftierung meist mehrfach abgewertet werden – einerseits wegen ihres Delikts und andererseits wegen ihrer Abwesenheit (und den daraus resultierenden Konsequenzen für das soziale/familiäre Gefüge). Ausgangspunkt ist ein Theaterprojekt, das Leisch mit Insassinnen des Frauengefängnisses Schwarzau und Häftlingen der Jugendstrafanstalt Gerasdorf verwirklicht hat. Die Protagonistinnen fassen ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart im Gefängnis, ihre Wünsche für die Zukunft doppelt in Worte: in herkömmlichen Interviewsituationen und im kollektiv kreierten Bühnenspiel „Medea bloß zum Trotz“, für das sie selbst die Dialoge erarbeiteten und improvisierten. Der Gefängnisalltag, Konflikte und Reibereien kommen dabei ebenso zur Sprache wie Sexualität, Drogen und das Leben außerhalb der Haftanstalt. Die Grenzen zwischen „realem“ Interview und „fiktiver“ Inszenierung verschwimmen. Die Anonymität der Protagonistinnen bleibt durch grelle Schminke, Perücken und eine geschickte Kameraführung gewahrt. Das Ergebnis ist keine Doku ÜBER die Insassinnen sondern MIT ihnen. „Sie werden nicht als Opfer ins Bild gesetzt oder in die Rolle von Anklägerinnen institutioneller Zumutungen gezwungen. Und genau dadurch gelingt nicht nur eine glaubhafte feministische, filmische Analyse von Gesellschaft und Gefängnis, sondern nebenbei auch ein kluger Kommentar zum Problem- und Diskursfeld dokumentarischer Repräsentation.“ (an.schläge 3/09)
Die Journalistin, Theater- und Filmregisseurin Tina Leisch hat sich v. a. mit ihren politisch engagierten Theaterprojekten einen Namen gemacht: 2003 erhielt sie (gemeinsam mit Co-Regisseur Hubsi Kramar) den Nestroypreis für die Inszenierung von George Taboris Mein Kampf. 2005 erarbeitete sie mit LaiendarstellerInnen mit Migrationshintergrund Jelineks Stecken, Stab und Stangel. In der Psychiatrie Steinhof realisierte sie mit PatientInnen ein Stück, das sich mit NS-Verbrechen an psychisch Kranken auseinandersetzt. Tina Leisch geht davon aus, dass sich eine Gesellschaft am besten anhand von dem beschreiben lässt, „was sie ausschließt, wovon sie sich abgrenzt, was sie wegsperrt, niederspritzt, verbietet’“. (Leisch in: an.schläge 3/09) GANGSTER GIRLS setzt das Thema des gesellschaftlichen Ausschlusses auf beeindruckende Weise fort. Mit Leischs Doku „wird ein vollkommen neuer Blick auf die totale Institution ‚Gefängnis’ möglich.“ (Ramón Reichert, Viennale-Falter)

Österreich 2008; Regie & Konzept: Tina Leisch; Konzept & Produktion: Ursula Wolschlager; Kamera: Gerald Kerkletz; Schnitt: Karina Ressler; Musik: Eva Jantschitsch; Regieassistenz & Choreographie: Sandra Selimovic; Mit: InsassInnen des Frauengefängnisses Schwarzau & der Jugendstrafanstalt Gerasdorf; (35mm; Farbe; 79 min; deutsche ORIGINALFASSUNG) Tina Leisch: geb. in München, lebt und arbeitet in Wien. Film-, Text- und Theaterarbeiterin, Mitbegründerin des Vereins „kinoki“ und des „Volxtheater Favoriten“. Theaterarbeiten (Auswahl): Inszenierung der „Dreigroschenoper“ (1994) im besetzten Ernst-Kirchweger-Haus; Inszenierung von George Taboris „Mein Kampf“ (2002) im Männerwohnheim Meldemannstraße (Nestroypreis 2003); „Irrgelichter im Spiegelgrund. Eine Desinfektion“ (2004) – Theaterprojekt mit PatientInnenen des Otto-Wagner-Spitals am Steinhof; Inszenierung von Jelineks Stück „Stecken, Stab und Stangel“ (2005) – gemeinsam mit pensionierten Migrantinnen; „Medea bloß zum Trotz“ (2007) – Theaterprojekt mit InsassInnen der Justizanstalten Schwarzau und Gerasdorf; Kurzfilme: VERGISS EUROPA. EIN WEISS-SCHWARZFILM (Ö 1999, 33 min) und RIEFENSTAHL-REMIX (Ö 2003, 33 min). GANGSTER GIRLS ist ihr erster langer Dokumentarfilm.