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EINE FLEXIBLE FRAU

R: Tatjana Turanskyj

Greta, Architektin in Berlin, Mutter eines 12-jährigen Sohnes, getrennt lebend, wird gekündigt. Greta kämpft nicht nur gegen die ökonomischen Zwänge und einen drohenden sozialen Abstieg an, sondern auch gegen die Angst, keinen Auftrag zu haben. Arbeit in einem Callcenter, Partys, die nächste Kündigung, Bewerbungscoachings, Treffen mit FreundInnen, mit dem Sohn, mit ExkollegInnen, Gespräche über Architektur, gut gemeinte Ratschläge, Spaziergänge durch die Stadt, Kneipentouren ... Greta – gut ausgebildet und trotzdem zunehmend vom Prekariat bedroht – driftet durch Berlin: mal kämpferisch, dann todtraurig, mal nüchtern und wieder betrunken, aber immer eigensinnig und widerspenstig verweigert sie sich der geforderten Flexibilität. Greta – eine Heldin, eine Kritikerin und Zweiflerin, „die vergeblich versucht, sich den Verhältnissen anzupassen, ohne dabei ihre Autonomie und Würde zu verlieren.“ (Tatjana Turanskyj)
Turanskyjs Spielfilmdebüt beschreibt die mitunter fatale identitätsstiftende Bedeutung von Arbeit und stellt zudem eine hochaktuelle feministische Kritik an unserer Leistungs- und „Must-Feel-Good“-Gesellschaft dar. „A Woman Under the Influence in Berlin zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Im sogenannten neuen Berlin. Im globalisierten, flexiblen Kapitalismus. Im Post-Feminismus. Mit dem jeweils dazugehörigen Vokabular: Theorie-Bruchstücke, Floskeln, Modeworte, Zitate. Eine Frau mit einer Vision, vom urbanen Raum, von sich, von ihrem Beruf, von ihrem Leben mit ihrem Kind. Doch die Verhältnisse sind nicht so. […] Eine flexible Frau als allseitig reduzierte Persönlichkeit.“ (Birgit Kohler, www.arsenal-berlin.de)
„Die erste Inspiration für meinen Film war Richard Sennetts Buch Der flexible Mensch. Sennett beschreibt die harten Veränderungsanforderungen des postmodernen Kapitalismus an das Individuum. Diese Grundtatsache aktueller gesellschaftlicher Entwicklung wollte ich mit der speziellen Situation von Frauen verknüpfen und die Frage aufwerfen, inwieweit das propagierte Bild der modernen emanzipierten Frau nichts weiter ist als eine Affirmation des derzeitigen Status quo, eine konservative Emanzipation.“ (Tatjana Turanskyj in: www.frauenfilmfestival.eu) „Flexibilität“ als Euphemismus für „Unsicherheit“, für schlechte Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und die Brüchigkeit weiblicher Arbeitsbiographien wird von Turanskyj nicht sozial realistisch auf die Leinwand gebracht, sondern künstlerisch mehrfach gebrochen durch die artifizielle Sprechweise der Figuren, durch Kommentare aus dem Off und durch anti-illusionistische Auftritte in Brecht’scher Manier.
Sowohl die Hauptdarstellerin als auch die Regisseurin kommen vom Theater: Mira Partecke (Greta) arbeitete mit Christoph Schlingensief am Maxim-Gorki-Theater und am Wiener Burgtheater. Tatjana Turanskyj, geb. 1966 in Hannover, studierte zunächst Literatur- und Theaterwissenschaften sowie Soziologie in Frankfurt am Main, bevor sie als Schauspielerin in mehreren Inszenierungen Einar Schleefs mitwirkte. Seit 1998 ist sie vorwiegend als Video-, Film- und Performance-Künstlerin tätig. Sie ist Mitbegründerin des Berliner Frauen-Filmkollektiv hangover ltd.

Deutschland 2010; Regie & Buch: Tatjana Turanskyj; Kamera: Jenny Barth; Schnitt: Ricarda Zinke; Ton: Mathias Gauerke, Jochen Jezussek; Musik: Niels Lorenz; DarstellerInnen: Mira Partecke (Greta), Katharina Bellena (Ann, Kosmetikerin), Laura Tonke (Callcenter-Chefin), Sven Seeger (Sven, Tänzer), Torsten Haase (Torsten, Tänzer), Fabio Pink (Fabio, Tänzer), Michaela Benn (Marlene, Architektin), Torsten Heidel (Max, Studienkollege), u.a.m. (DigiBeta; Farbe; 97min; Dolby; deutsche ORIGINALFASSUNG).