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GAMBIT

R: Sabine Gisiger

Am 10. Juli 1976 ereignete sich in der italienischen Kleinstadt Seveso ein folgenschwerer Unfall: in der Chemieanlage Icmesa trat aus einem Reaktor zur Herstellung von Trichlorphenol das hochgiftige Dioxin aus und führte zu einer für Menschen und Umwelt verheerenden Dioxinkatastrophe. Die Bevölkerung musste evakuiert werden, zahlreiche Menschen erlitten Hautverätzungen („Chlorakne“), 77.000 Tiere verendeten oder mussten notgeschlachtet werden, das Land war für Jahre verseucht.
Der Chemiker Jörg Sambeth war damals technischer Direktor von Givaudan, einer Tochterfirma des Schweizer Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel auch der verheerende Unfall in der Icmesa. Am 11. 7. wird er über die Katastrophe informiert und ordnet die Entnahme von Proben an. Am 14. 7. bestätigen Wissenschaftler den Austritt von Dioxin, doch Hoffmann-La Roche beharrt auf striktem Schweigen. Am 18. Juli 1976 bricht Jörg Sambeth das Schweigegebot und informiert die behandelnden Ärzte über die tragischen Fakten. Erst am 23. Juli wird begonnen, die Zone A zu räumen. Im Mai 1983 beginnt der Prozess gegen die Verantwortlichen der Dioxinkatastrophe von Seveso. Jörg Sambeth und der Betriebsleiter der Icmesa werden als Gambit – wie das Bauernopfer beim Schachspiel – von der Konzernführung geopfert und vor Gericht verurteilt.
GAMBIT erzählt nicht nur von einer ökologischen Katastrophe, sondern verweist auf die Frage nach persönlicher Verantwortung und nach Konsequenzen von Machtsstrukturen im Inneren einer Konzernführung. „GAMBIT legt damit in schlichter Dramaturgie die Banalität des Technischen offen - und die haltlose Heftigkeit, mit der Vernunft und Aufklärung wie ein Kippbild in Angst und Katastrophe umschlagen können.” (Alexandra Stäheli in: NZZ).
Sabine Gisiger ging in ihrem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm zwar von Sambeths Erzählungen und Dokumenten aus, doch fand sie ihren eigenen Standpunkt. Sie recherchierte in schweizerischen und italienischen Archiven, nahm Kontakt mit jenen Menschen auf, die damals in irgendeiner Form am Unglück in Seveso beteiligt waren, wodurch ihr „ein dramaturgisch fesselndes und manchmal sogar tragikomisches Stück Zeit- und Wirtschaftsgeschichte gelang.“ (Semaine de la Critique).
„Den Opfern der Katastrophe ist Gambit gewidmet. Bei ihnen beginnt der Film. Dort, wo der Boden nach dem Niedergang der Giftwolke am stärksten verseucht war, ist die dioxinhaltige Erde abgetragen und zusammen mit dem Schutt der abgerissenen Häuser und dem Unglücksreaktor begraben worden. Dann liess man Gras über die Sache wachsen und pflanzte Bäume. [...] Dort beginnt der Film, denn sein Gegenstand ist die verdrängte Vergangenheit.” (Sabine Gisiger)
Auszeichnungen: Prix de la Semaine de la Critique – Locarno; Publikumspreis – Duisburg; Preis der Stiftung Südtiroler Sparkasse - Bozner Filmtage 2006; Documentary reporting competition – Documenta Madrid u. a. m.

Schweiz/Deutschland 2005, Regie und Drehbuch: Sabine Gisiger; Kamera: Helena Vagnières, Reinhard Köcher; Schnitt: Patricia Wagner; Musik: Peter Bräker & Balz Bachmann; Mitwirkende: Jörg Sambeth (ehemals Technischer Direktor Givaudan), Caroline Sambeth (Jörgs zweite Ehefrau, ehemals Parfümeurin bei Givaudan), Birgit Sambeth Glasner (Jörgs Tochter), Ulrich Sambeth (Jörgs Sohn), Roger Dagon (Anwalt in Genf), Alberto Moro-Visconti (Anwalt in Mailand), Italo Pasquon (Professor für Chemie in Mailand), Ekkehard Sieker (WDR-Journalist), Theo Theofanous (Professor für Technikfolgenabschätzung), u.a. (35mm; Farbe; 107 min; schweizerdeutsche-deutsche-italienische-englische-französische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).