on the road to cinematograph
In Kooperation mit der Lehrveranstaltung „Moving forward, looking
backward, haunted by the road“, und der daraus resultierenden
Filmreihe „Hit the Road Jack/ie Road Movies aus 8 Jahrzehnten“,
präsentiert kinovi[sie]on am 8. Juni SANS TOIT NI LOI von Agnès
Varda.
Mi, 8. Juni, 21.15 Uhr im Cinematograph
SANS TOIT NI LOI (Vogelfrei) von Agnès Varda
Der Originaltitel SANS TOIT NI LOI (Ohne Dach und ohne Gesetz) macht
deutlich, was der deutsche Titel VOGELFREI vermeintlich verschleiert
nämlich Schutzlosigkeit als Preis der Freiheit aber bei
genauerer Betrachtung sehr wohl beinhaltet. Der Begriff
„vogelfrei“ meinte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
Personen, denen Rechte und Eigentum aberkannt wurden, die also von
jedem anderen straffrei getötet, verletzt oder ausgeraubt werden
konnten.
Ein Landarbeiter findet die Leiche einer jungen Frau. Sie hat keine
Papiere bei sich und keinen Besitz. Vermutlich war sie Landstreicherin
und ist erfroren. Ein gewaltsamer Tod wird von der Polizei
ausgeschlossen. Hier beginnt Agnès Varda ihre Spurensuche: anhand von
Gesprächen mit jenen, die der jungen Frau in den letzten Tagen und
Wochen begegnet sind, werden die einzelnen Stationen der
Herumziehenden rekonstruiert.
Die junge Tramperin zieht mit Zelt, Rucksack und wenigen
Habseligkeiten irgendwo durch Südfrankreich. Die wechselnden Orte
(ein Strand am Meer, ein verlassenes Schloss, ein Bauernhof,…)
leuchten in winterlich klarem Schein. Die Tramperin Mona scheint
Herrin der Lage zu sein, denn sie findet, was sie braucht: Nahrung,
ein wenig Geld, Liebhaber, Unterschlupf für einigen Nächte, sogar
ein Stück Ackerland wird ihr von einem Aussteiger-Pärchen angeboten.
Mit ihrem Verständnis von Freiheit, erklärt der ehemalige Philologe,
der seine eigene Freiheit in Ackerbau und Viehzucht gefunden hat,
würde Mona in Einsamkeit und letztlich im Tod enden. Spätestens hier
wird klar, dass SANS TOIT NI LOI die Grenzen des Road Movies
überschreitet und sich einem Filmessay annähert, der um das zentrale
Thema Freiheit kreist. Agnes Varda führt dem Publikum viele
Freiheitssuchende vor Augen - den Aussteiger, den Kleinkriminellen,
die Einwanderer aus Nordafrika, die Akademikerin, die Bürgerliche,
Hausbesetzer, usw. mit ihren Sehnsüchten und ihren Vorstellungen
von Freiheit.
Das Leben auf der Straße, das Unterwegs-Sein sowie Sex, Drogen und
Musik Begriffe, die Entgrenzung evozieren und eng mit dem Genre
Road Movie verbunden sind ziehen sich zwar durch den ganzen Film,
doch bleiben sie im Hintergrund, um gesellschaftspolitische Fragen zu
stellen: wie viel individuelle Freiheit ist der Gesellschaft zumutbar?
Wem billigt sie welche Freiheit zu? Wer sind die „Vogelfreien“
unserer Gesellschaft? Und nicht zuletzt: Was ist Freiheit?
FIPRESCI Preis und Goldener Löwe - Bester Spielfilm (1985), Los
Angeles Film Critics Association Award (1986) und César-Beste
Schauspielerin (1986), u.a.m.
Frankreich 1985; Regie und Drehbuch: Agnès Varda; Kamera: Patrick
Blossier; Musik: Joanna Bruzdowicz; DarstellerInnen: Sandrine
Bonnaire, Yolande Moreau, Martha Jarnias, Macha Méril, Stéphane
Freiss, Yahiaoui Assouna, u.a.; (35mm; Farbe; 100min; frz.
ORIGINALFASSUNG MIT ENGL. UNTERTITELN).
SANS TOIT NI LOI
Des weiteren möchten wir auf die
Veranstaltung VIDEODROM: FILM & LECTURE am 9. Juni 19:30 im
ORF-Kulturhaus hinweisen, zumal dort neben einer Lesund von Barbara
Hundegger das Video THINGS.PLACES.YEARS von Simone Bader und Jo
Schmeiser gezeigt wird. Erfahrungen von Vertreibung, Emigration und
Holocaust werden oft in der Vergangenheit verortet. Der Dokumentarfilm
THINGS.PLACES.YEARS bringt diese Vergangenheit in die Gegenwart
zurück und zeigt, wie sie das Leben von zwölf in London beheimateten
Frauen durch drei Generationen prägt.